03 Fossilismus

Faktencheck Klimapolitik 3
Behauptung: „Klimaschutz kostet uns den Wohlstand.“

Falsch: Ohne Klima- und Umweltschutz gibt es keinen nachhaltigen Wohlstand.

Wirksamer Klimaschutz ist nicht nur die lange bekannte Forderung von NGOs oder grüner Denkfabriken, sondern mittlerweile selbst konservativer Ökonom:innen. Das ist ein Novum, das Politiker:innen der AfD, der CDU und z.T. auch der FDP jedoch verschweigen, weil es ihrer neoliberalen Ideologie widerspricht.
Die über 50 Jahre alte Simulation Limits to Growth der MIT-Forscher um Dennis Meadows für den Club of Rome ermittelte eine signifikante Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenbruch der Zivilisation um die Mitte des Jahrhunderts. 2020 glich Gaya Herrington für die Wirtschaftsberatung KPMG Modell und reale Entwicklung ab. Das aus heutiger Sicht einfache Modell stellte sich nicht als so schlecht heraus, wie Kritiker lange behaupteten . Die US-Geheimdienste warnen vor einer unsicheren Welt schon im Jahr 2040 .

Der Handlungsbedarf im Klimaschutz ist angesichts der hohen deutschen Pro-Kopf-Emissionen dringend . Merkel, die schon 1997 als Umweltministerin in einem Buchtitel den CO2-Preis als „Preis des Überlebens“ bezeichnete, hat am Ende ihrer Amtszeit ihre eigene Klimaschutzpolitik als „Pillepalle“, also unzureichend, kritisiert. Damit offenbarte sie, dass sie im Klimaschutz mit großen Widerständen zu kämpfen hatte, vor allem aus dem Finanz- und Arbeitgeberlager .

Noch 2019 veröffentlichte die neoliberale Denkfabrik INSM „12 Fakten zum Klimaschutz“, die eine abwehrende Haltung im Klimaschutz wiederspiegelten . Ende 2023 rechnet selbst diese industrienahe, populistische Denkfabrik zum ersten Mal die Sinnhaftigkeit des Klimagelds vor, das allerdings schon seit Jahrzehnten in Kombination mit einer CO2-Steuer gefordert wird . William Nordhaus hatte diese Methode für Klimaschutz bereits 1977 beschrieben und dafür 2018 den Nobel-Gedächtnispreis bekommen . Sie geht auf die Lenkungsabgabe nach Arthur C. Pigou aus dem Jahr 1920 zurück, die durch Internalisierung externer Effekte einem Marktversagen vorbeugen soll. Vom „größten Marktversagen aller Zeiten“ durch die Nutzung fossiler Brennstoffe sprach schon 2006 der Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern, bei der Vorstellung seines Berichts an das britische Finanzministerium .


Angesichts der Ergebnisse der formellen wirtschaftlichen Modelle schätzt das Review, dass die Gesamtkosten und -Risiken des Klimawandels, wenn wir nicht handeln, gleichbedeutend mit dem Verlust von wenigstens 5% des globalen Bruttoinlandsprodukts jedes Jahr, jetzt und für immer, sein werden. Wenn man eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen berücksichtigt, dann könnten die Schadensschätzungen auf 20% oder mehr des Bruttoinlandsprodukts ansteigen. […] Im Gegensatz dazu können die Kosten des Handelns – des Reduzierens der Treibhausgasemissionen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden – auf etwa 1% des globalen Bruttoinlandsprodukts pro Jahr begrenzt werden.
Stern Report 2006

Der Bericht sorgte selbst unter konservativen Politikern der USA für ein kurzfristiges Umdenken , geriet aber im Trubel um die Finanzkrise 2008 wieder in Vergessenheit. Die Pionierarbeit der jungen deutschen DIW-Ökonomin Claudia Kemfert aus dem Jahr 2004, die zu vergleichbaren Ergebnissen kam , blieb in den Medien offenbar unbeachtet ; zu der Aktualisierung aus 2007, ein Jahr nach dem Stern-Report, fand ich nur einen Beitrag in der taz .
2021 aktualisierte der Cambridge-Ökonom Partha Dasgupta die Zahlen mit einem neuen Bericht an das britische Finanzministerium; der Dasgupta Review beziffert zusätzlich gewaltige Schadensprognosen durch den Verlust an Biodiversität durch Landnutzung .


Die Nationen der Erde zahlen rund 500 Milliarden US-Dollar jährlich, um die Natur auszubeuten und zu zerstören. Es sind Subventionen für die Landwirtschaft, für fossile Kraftstoffe, für Energie, für die Fischerei oder für Düngemittel. Insgesamt entstehen durch fehlgeleitete öffentliche Gelder weltweit Schäden im Wert von vier bis sechs Billionen US-Dollar. Für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dagegen gibt die Menschheit nur zwischen 78 und 143 Milliarden Dollar jährlich aus. Das sind 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
Dasgupta Review 2021

Eine Studie des Kopernikus-Programms Ariadne von 25 wissenschaftlichen Partnern hat 2021 die externen Kosten der deutschen Wirtschaft durch Umweltzerstörung auf etwa eine halbe Billion Euro pro Jahr beziffert. Matthias Kalkuhl vom Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change MCC: „Jährlich entstehen Folgekosten in einer groben Größenordnung von 13 bis 19 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts“. Die Experten raten, die externen Kosten der deutschen Wirtschaft über eine Steuerreform komplett zurückzuholen und mit sozialem Ausgleich zurückzuzahlen. Die aktuellen Abgaben würden nur ein Viertel abdecken und hätten keinen sozialen Effekt .

2019 forderten 27 (also ein Großteil der noch lebenden) Nobel-Gedächtnispreisträger:innen und etliche andere Ökonom:innen in höchsten Positionen eine wirksame CO2-Abgabe mit sozial ausgleichender Rückvergütung; mittlerweile sind es 28.
Im gleichen Jahr, 42 Jahre nach der Nordhaus-Studie und 28 Jahre nach dem Vorreiter Schweden, begann Deutschland mit einer CO2-Steuer von 10€/t, während Schweden schon beim 10-fachen Wert lag und das Umweltbundesamt etwa das 20-fache ansetzte.
2024 liegt das UBA nach der gleichen Berechnungsmethode bei 250€. Zu dieser „Methodenkonvention 3.1“ schreibt das UBA:

„Bei Verwendung einer reinen Zeitpräferenzrate (RZPR) von 0% werden heutige und zukünftige Schäden gleichgewichtet. Bei Verwendung einer reinen Zeitpräferenzrate von 1% werden Schäden, die der nächsten Generation (in 30 Jahren) entstehen, nur zu 74%, die der übernächsten Generation (in 60 Jahren) entstehenden Schäden nur zu 55% berücksichtigt. Die Gewichtung mit RZPR=1% lässt sich als Proxy für praktische Politikrelevanz verwenden.“

Bei generationengerechter Betrachtung müssen demnach 860€/t angesetzt werden, und nicht die überall kommunizierten 250€/t.

Eine internationale Studie (u.a. vom Imperial College London und der ETH Zürich) schätzt die kumulierte Schadschöpfung von CO2 bis 2100 auf etliche Tausend Dollar pro Tonne, etwa das 100fache der aktuellen deutschen CO2-Steuer ; schon bei der unteren Angabe wird mit den derzeitigen Emissionen bereits das globale BIP aufgewogen . Die Zentralbanken rechnen mit einem massiven wirtschaftlichen Zusammenbruch.


  1. Herrington, Gaya. Update to Limits to Growth. Wiley. Hoboken NJ 2021. URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jiec.13084 zurück
  2. N.N. (2021). A more contested world. 2040 Trends Global. National Intelligence Council March 2021. NIC 2021-02339. ISBN 978-1-929667-33-8. Washington D.C.. https://www.dni.gov/nic/globaltrends zurück
  3. Harald Thielen-Redlich (2024). Agenda: „Wir passen uns an, Klimaschutz ist zweitrangig.“ Falsch: Klimaanpassung ist vollkommen sinnlos ohne wirksamen Klimaschutz. Faktencheck Klimapolitik 2 (Klimaskepsis). https://faktencheck.teachersforfuture.org/02klimaskepsis zurück
  4. N.N. (2025). Klimasabotage. Wer sind die Klimasaboteure? Das Wissen über die Klimakrise ist da, das gesellschaftliche Bewusstsein auch. Was fehlt, sind Konsequenzen: politische Entscheidungen, die die nötigen Veränderungen vorantreiben. Für diese Blockaden gibt es Verantwortliche. Es sind Akteure, die die Interessen klimaschädlicher Industrien vertreten, an diesen weiter verdienen oder die nicht aufgeben wollen, was keinen Bestand haben darf. In einer vom Weltklimastreik am 3. März bis zur COP 28 in Dubai im Dezember laufenden Serie fragt die taz: Wer sabotiert die Entscheidungen, die das Klima und unsere Lebensgrundlagen retten? Wer blockiert, was nötig ist –und warum? Wer führt uns in die Krise? Themenseite (wird bei neuen Artikeln aktualisiert). Die Tageszeitung. taz Verlags und Vertriebs GmbH. Berlin. https://taz.de/Schwerpunkt-Klimasabotage/!t5919498/ zurück
  5. Volker Quaschning (2019). Faktencheck der 12 Fakten zum Klimaschutz der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM. 17.07.2019. https://www.volker-quaschning.de/artikel/Fakten-INSM/index.php zurück
  6. INSM (2023). INSM-Studie zeigt Machbarkeit von Klimageld-Erstattung an Bundesbürger. Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH. Berlin. https://insm.de/aktuelles/pressemitteilungen/insm-studie-zeigt-machbarkeit-von-klimageld-erstattung-an-bundesbuerger zurück
  7. William Nordhaus. Strategies for the Control of Carbon Dioxide. Econ Papers No 443. Cowles Foundation for Research in Economics, Yale University. New Haven CT 1977. https://econpapers.repec.org/paper/cwlcwldpp/443.htm zurück
  8. Wikipedia (2024): Arthur Cecil Pigou. https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Cecil_Pigou zurück
  9. Fritz Vorholz. Größtes Marktversagen aller Zeiten. Die Zeit 2. November 2006. https://www.zeit.de/2006/45/Klima-Kasten zurück
  10. Stern, N. et al.. Stern Review: Der wirtschaftliche Aspekt des Klimawandels. Zusammenfassung der Schlussfolgerungen. Her Majesty’s Treasury. London 2006. https://webarchive.nationalarchives.gov.uk/+/http:/www.hm-treasury.gov.uk/media/A/9/stern_shortsummary_german.pdf zurück
  11. Amy Bingham (2011). Gingrich Defends Shifting Statements on Climate Change. ABC News 18.11.2011. The Walt Disney Company. Burbank CA. https://abcnews.go.com/blogs/politics/2011/11/gingrich-defends-shifting-statements-on-climate-change zurück
  12. Richard Harris. Romney Seemingly Shifts On Climate Change. NPR October 28, 2011. National Public Radio, Inc. Washington DC 2011. https://www.npr.org/2011/10/28/141807732/romney-seemingly-shifts-on-climate-change zurück
  13. Kemfert, Claudia (2004). Die ökonomischen Kosten des Klimawandels, DIW Wochenbericht, ISSN 1860-8787, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, Vol. 71, Iss. 42, pp. 615-622. https://www.econstor.eu/bitstream/10419/151331/1/04-42-1.pdf zurück
  14. ChatGPT. DIW Studie Kemfert Medien. 16. November 2024. https://chatgpt.com/share/6738c932-3500-8004-acaa-e93c254e5e17 zurück
  15. Kemfert, Claudia (2007). Klimawandel kostet die deutsche Wirtschaft Milliarden. DIW Wochenbericht 11 / 2007, S. 165-169. https://www.diw.de/de/diw_01.c.450702.de/publikationen/wochenberichte/2007_11/klimawandel_kostet_die_deutsche_volkswirtschaft_milliarden.html zurück
  16. Reimer, Nick. Dürre, Starkregen, Malaria. Laut DIW wird der Klimawandel in den kommenden 43 Jahren jährlich durchschnittlich 0,5 Prozent des deutschen Wirtschaftswachstums kosten. taz 15.3.2007. taz Verlags und Vertriebs GmbH. Berlin 2007. https://taz.de/!278879/ zurück
  17. Dasgupta, Partha. The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review. Her Majesty’s Treasury. London 2021. https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review
    Headline Messages: https://assets.publishing.service.gov.uk/media/60182857d3bf7f70c2afe5bb/Dasgupta_Review_-_Headline_Messages.pdf zurück
  18. Philip Bethge. Was kostet die Welt? Ein Gutachten im Auftrag der britischen Regierung versucht, den Wert der Natur zu erfassen. Ein neues Wirtschaftssystem ist demnach notwendig, um die biologische Vielfalt zu erhalten. Der Spiegel 02.02.2021. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/dasgupta-report-zur-biodiversitaet-was-kostet-die-welt-a-8447cc51-be9d-4774-9201-1da427c60816 zurück
  19. Matthias Kalkuhl et al. Reformoptionen für ein nachhaltiges Steuer- und Abgabensystem. Wie Lenkungssteuern effektiv und gerecht für den Klima- und Umweltschutz ausgestaltet werden können. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Potsdam 2021. https://ariadneprojekt.de/media/2021/05/Ariadne-Kurzdossier_Steuerreform_Juni2021.pdf zurück
  20. Jan Hildebrand, Silke Kersting, Klaus Stratmann (2021). Luftverschmutzung, Überdüngung, Plastikmüll: Erstmals zeigt eine Studie, wie viele Milliarden Deutschland durch Umweltzerstörung verliert. Wirtschaftliche Aktivitäten verursachen Folgekosten für die Gesellschaft von mehr als 13 Prozent des BIP. Abhilfe könnte eine verursachergerechte Besteuerung bringen. Handelsblatt 01.06.2021. Handelsblatt GmbH. Düsseldorf. https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/klimaschutz-luftverschmutzung-ueberduengung-plastikmuell-erstmals-zeigt-eine-studie-wie-viele-milliarden-deutschland-durch-umweltzerstoerung-verliert/27241574.html zurück
  21. Economist’s Statement on Carbon Dividends. Climate Leadership Council 2019. https://www.econstatement.org/ zurück
  22. Dr. Astrid Matthey und Dr. Björn Bünger. Methodenkonvention 3.1 zur Ermittlung von Umweltkosten. Kostensätze. Umweltbundesamt Dezember 2020. Dessau-Roßlau. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/methodenkonvention-umweltkosten
    Pdf: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2020-12-21_methodenkonvention_3_1_kostensaetze.pdf zurück
  23. UBA (2024). Gesellschaftliche Kosten von Umweltbelastungen. Umweltbundesamt 02.07.2024. Dessau-Roßlau. https://www.umweltbundesamt.de/daten/umwelt-wirtschaft/gesellschaftliche-kosten-von-umweltbelastungen-klimakosten-von-treibhausgas-emissionen zurück
  24. Jarmo Kikstra et al. The social cost of carbon dioxide under climate-economy feedbacks and temperature variability. Environmental Research Letters, Volume 16, Number 9 2021. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/ac1d0b zurück
  25. René Muschter. Bruttoinlandsprodukt und die Weltwirtschaft. Statista 14.11.2024. https://de.statista.com/themen/1181/weltwirtschaft zurück
  26. Sandra Laville. Climate breakdown will hit global growth by a third, say central banks. New modelling finds risk to global economies much worse than previously thought, but group of central banks says even this may be an underestimate. The Guardian 8 Nov 2024. https://de.statista.com/themen/1181/weltwirtschaft zurück
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